Opfer – nein, danke!

Wenn man darauf achtet, kann man die Facetten von Gewalt fast überall erkennen. Nicht nur in der Freizeit, auf dem Spielplatz, im Fernsehen, Internet, sozialen und sonstigen Medien, sondern auch im Elternhaus und eben auch bei uns, in den Schulen.

Weder Eltern, Kinder noch Schulen wollen das immer ganz wertungsneutral wahrhaben. Zu oft regieren Ängste, beim Thema “Gewalt” eventuell in Schubladen gesteckt zu werden. Dies löst jedoch das Problem nicht, es verlagert sich bestenfalls.
Hier kommt Herr Schmidt und sein multidimensionales Projekt “Opfer – nein, danke!” zum Tragen.
Gerade bei der ersten Stolperfalle “Ich/Wir haben keine Gewalt bei uns!” legt der gelernte Judotrainer den Finger in die Wunde.
Mittels eines ausgeklügelten Systems von Lehrkräfte- und SchülerInnen-Fragebögen analysiert er zuerst die einzelnen Lerngruppen, deckt Gewalt auf, wo sie vorher unentdeckt war.
Er sensibilisiert alle Beteiligten für die verschiedenen “Gesichter” der Gewalt.

“Aktive” und deren Leidtragende werden gemeinsam konfrontativ aus ihren Rollen herausgezogen, in ihren Aussagen ernst genommen und gespiegelt, wie sie auf ihre Mitmenschen wirken.
Dies erfordert viel Erfahrung, Einfühlungsvermögen und die Kooperation mit den Lehrkräften. All diese Kompetenzen bringt Herr Schmidt zur Begeisterung Aller mit.
Die Klassenleiter lernen ihre Kinder aus anderen Perspektiven kennen, aber auch verstehen.
Die Kinder merken sehr direkt, welche Auswirkung ihr Verhalten auf ihre Mitmenschen hat.

Herr Schmidt hat einen anderen Stellenwert bei den Kindern: Als Mensch mit Migrationshintergrund erzählt er zu Beginn des Workshops von seinen Erfahrungen, die er als Kind machen musste. Ohne Kenntnisse der deutschen Sprache und als ein Kind, das etwas kleiner war als seine Mitschüler, wurde er selber Opfer von Gewalt, Mobbing und Ausgrenzung. Dies macht ihn für sein Projekt zum authentischen Beispiel, wie sich Gewalt anfühlt, aber auch wie man diese negativen Erfahrungen in etwas Positives umwandeln kann. Die Kinder hören ihm gebannt zu, wenn er von den Schwierigkeiten und Herausforderungen erzählt, mit denen er konfrontiert war.
Die Kinder lernen ihn schnell als glaubwürdigen und vertrauenserweckenden Menschen kennen, in dessen Historie sich viele wiederfinden können.
Er gibt auch Hausaufgaben auf, die er von den Eltern unterschreiben lässt, damit die einzelnen Stationen seines Projektes transparent gemacht werden. Diese Hausaufgaben werden – zur Verwunderung Vieler – z.T. sorgfältiger und gewissenhafter erledigt als die Hausaufgaben der Klassenlehrkräfte.

Herr Schmidt nutzt den “ersten Durchgang” von jeweils vier Doppelstunden pro Lerngruppe um eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen, Formen der Gewalt zu thematisieren, Kooperation und Fairness zwischen den Kindern zu trainieren.
Nachdem alle Lerngruppen in diesen Genuss kamen, startet er wieder bei der Anfangsklasse und klärt in Fallbeispielen und Rollenspielen über Möglichkeiten der Deeskalation, aber auch der aktiven Gefahrenabwehr auf.
Hier fokussiert sich das Gewaltpräventionsprojekt auf die innersten Trigger der Kinder, die Gewalt provozieren.
Die Kinder lernen in Herrn Schmidts gut gewählter Metapher nicht an die Angel eines Fischers zu beißen, der auf Gewalt aus ist und beispielsweise mit verbalen Provokationen einen Streit initiieren möchte.
Hier werden die Kinder mit ihren eigenen Wertesystemen konfrontiert und erkennen, dass eine Beleidigung kein Freibrief zum Zuschlagen darstellt.
Brenzlige Situationen zu erkennen, diesen aus dem Weg zu gehen und/oder diese zu entschärfen, ist alltagsrelevant und direkt anwendbar.

Herr Schmidt begleitet Lehrkräfte und SuS in den Pausen und hakt bei Konflikten direkt ein, nimmt sich Zeit für die Konfliktklärung und bespricht mit den Kindern konstruktiv Lösungsansätze für eine friedliche und entspannende Pause. Die natürlich-freundliche Autorität, die er dabei ausstrahlt, wirkt dabei äußerst hilfreich. Er wird von allen anerkannt und geachtet.
Jeden Tag ist er auch nach seinen Workshops eine weitere Schulstunde als eine Art “Vertrauenslehrer” für Eltern, Schüler und Lehrer ansprechbar und wirkt beratend bei Problemlösungen mit.

In den ersten Jahrgängen konzentriert sich Herr Schmidt zudem auf die Einrichtung von Notinseln, spricht lokal ansässige Ladengeschäfte/Institutionen an und vereinbart mit diesen Treffpunkte, bei denen die Kinder Schutz und Hilfe erhalten können.
Zur Schulwegsicherung läuft Herr Schmidt darüber hinaus mit den Kindern den Schulweg ab, bespricht heikle Stellen, auch im Straßenverkehr.

Insgesamt ist die Krautgartenschule (Lehrer-, Schüler und Elternschaft) sehr dankbar, dass wir dieses Projekt gewagt haben und planen auch in den kommenden Schuljahren weiter eng mit ihm zusammenzuarbeiten.
Herr Schmidt hat sich innerhalb von weniger als einem Jahr als feste Größe in der Schulgemeinde etabliert, die wir nicht mehr missen wollen.
In Anbetracht des breiten Wirkungsspektrums sind die Kosten, die alljährlich anfallen, gerade im Vergleich zu anderen Präventionsprogrammen, fast schon lächerlich gering.

H.-C. Dederer

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